Weihnachten und Jahreswechsel – Einkehr und Aufbruch:
Advent, Weihnachten und Jahreswechsel sind für viele eine Zeit zum Innehalten, Zurückblicken und Einkehren, eine Zeit um sich zu regenerieren, neu auszurichten, auf die innere Stimme zu hören, Erinnerungen zu verarbeiten, in den tausend Ereignissen des zurückliegenden Jahres die verborgenen Bedeutungen und die Linien der eigenen Entwicklung zu lesen und Vorsätze der Erneuerung für das kommende Jahr zu fassen. Oder praktischer:
- eine Zeit für Sofa und Wolldecke im Wechsel mit Draußensein im (seltener gewordenen) Schneetreiben und Heimkehr zu Tee oder Badewanne,
- eine Zeit des Entspannens mit Büchern, Musik und Gesprächen, der Verbundenheit mit den Liebsten und der Wohltätigkeit gegenüber Fremden und, wenn möglich,
- eine Auszeit von Verpflichtungen, ein Durchatmen in einer Zeit, in der einfach mal nichts los ist – kurz: eine Zeit des Seins.
Ist so ein Szenario unrealistisch und kitschig? Sicher, in dieser Reinform gelingt es nicht immer. Aber trotzdem ist die Sehnsucht nach dieser Ruhe, Einkehr und Verbundenheit real, und sie hat auch mit den Themen unserer Gruppe zu tun: mit Achtsamkeit, Mitgefühl und (Selbst-)Fürsorge. Kitsch wird daraus erst, wenn wir ausblenden, dass dabei oft auch das Gegenteil mitschwingt und dass die Momente der Gebrochenheit eher der Normalfall sind. Es gibt in der Weihnachtszeit eben auch Momente,
- in denen uns die Entspannung schwerfällt, weil viel zu tun ist,
- in denen wir mit uns selbst nichts anfangen können, weil wir zu erschöpft sind,
- in denen die Fremdheit von Angehörigen sichtbar wird, wenn die Nähe nur noch in der Vorstellung existierte, oder
- in denen wir die Unerfülltheit hinter den Geschenken erahnen, während ein Paket nach dem anderen aufgerissen wird.
Wenn wir den Kitsch vermeiden wollen, müssen wir auch diese Unvollkommenheiten umarmen. Schaffen wir das, dann kann trotz aller Widrigkeiten das ehrliche Bemühen um eine echte Nähe zu uns selbst und zu den anderen spürbar werden, eine authentische Sehnsucht nach spiritueller Tiefe und Verbundenheit, die zu unserer Natur gehört, auch wenn sie nicht immer ungetrübte Erfüllung findet.
In dieser Zeit erlaubt uns unsere Kultur ganz offiziell Einkehr, Besinnung und den Kontakt zu den sonst verdrängten Seiten unseres Seins. Steckt in den Ritualen der Weihnachtszeit nicht auch eine Analogie zu unserer Tätigkeit als Lehrer:innen? Sind nicht diese der Versuch, eine Insel der Menschlichkeit zu schaffen in einer Welt, die sonst von anderen Motiven dominiert wird? Einen Raum zu kreieren, in dem personale Einmaligkeit und Entwicklung, authentische Beziehung und Verständnis höher geschätzt werden als Verwertbarkeit, materieller Gewinn, Selbstdurchsetzung und Konkurrenzfähigkeit? Bei beiden geht es darum, ein Modell zu bauen, wie klein auch immer, für eine humanere, verbundenere und fürsorglichere Welt, in der Menschen gedeihen können, einen Inkubator zu kreieren für eine menschlichere Lebensform, die wir erschaffen können oder vielleicht sogar müssen, weil wir mit der alten Lebensform gerade dabei sind, gegen die Wand zu fahren? Ich überlasse es euch, diese Überlegungen selbst weiterzudenken.
Wenn ihr mögt, so hätten wir hier ein paar Anregungen für die (Vor-)Weihnachtszeit:
- Wenn ihr euch vor Weihnachten noch etwas Zeit für Besinnung gönnen mögt, so könntet ihr diese Adventsmeditation von Vera Kaltwasser, Autorin mehrerer Bücher zu Achtsamkeit in der Schule, anhören.
- Zum Jahreswechsel möchten wir euch noch eine kleine Selbstreflexion mit dem Booklet YearCompass ans Herz legen, das man sich in verschiedenen Sprachen kostenlos downloaden kann. Es geht darin um einen Rückblick auf die Themen und Ereignisse des alten Jahres („Die wichtigste Lektion, die ich gelernt habe …“, „Die größte Überraschung des Jahres …“ usw.) und um eine Vorbereitung auf das neue Jahr („Diese drei Dinge werde ich an mir selbst lieben:“, „Diese drei Dinge wage ich zu entdecken:“ usw.). Das Büchlein lädt dich dazu ein, deine Antworten in Stichpunkten festzuhalten. – Vielleicht magst du dich damit und mit einer Tasse Tee für eine stille Stunde zurückziehen?
Und bitte vergesst nicht, bis zu unserem nächsten Treffen das letzte Gespräch mit eurem aktuellen Buddy zu führen. Im Januar werden wir dann die Buddies neu wählen.
Reflexion
Was sind jetzt gerade deine Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen zu den hier angesprochenen Themen?